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Unbeschwerte Kommunikation

Nicht nur für Migranten: Ein interkultureller Pflegedienst in Bramfeld bietet Senioren eine individuelle Betreuung und setzt auf das offene Verhältnis zwischen den nationalen Identitäten
von MAREIKE ADEN

Eine Prognose: "Im Jahr 2030 wird jeder vierte in Deutschland lebende ältere Mensch ein Migrant sein", verkündet der Caritasverband. Gülhan Zenginoglu ist vorbereitet: Seit 1998 ist sie Leiterin der "Interkultureller Pflegedienst GmbH" in Bramfeld. Ein Team aus 14 Mitarbeitern betreut rund 50 Senioren, die aus der Türkei, Afghanistan, dem Iran oder auch aus Deutschland kommen. Und damit eine kultursensible Pflege möglich ist, stammen die Mitarbeiter ebenfalls aus diesen Ländern.

"Es ist ein Mythos, dass ausländische Pflegebedürftige immer von der eigenen Familie betreut werden", sagt die 39-Jährige, die 1976 als "Gastarbeiterkind" aus der Türkei nach Deutschland kam. Die zweite Migrantengeneration sei mit Kindern und Beruf völlig ausgelastet. Außerdem existiere auch in Migrantenfamilien ein beidseitiges Schamgefühl, so dass sowohl die Kinder als auch die Eltern froh seien, wenn eine Fachkraft zum Pflegen käme.

Eine solche kommt immer öfter aus Bramfeld: "Wir werden sowohl von Ärzten als auch Patienten weiterempfohlen", so Zenginoglu. "Das zeigt, dass unser interkultureller Ansatz richtig ist." Denn als Einrichtung, die sich ausschließlich an kulturelle Minderheiten wendet, versteht die 39-Jährige ihren Pflegedienst nicht. "In einer interkulturellen Gesellschaft kann man sich doch nicht von allem Fremden abschotten", findet sie. "Ich will ein offenes Verhältnis zwischen den Kulturen schaffen."

Andererseits sei Pflege Vertrauenssache und müsse den Bedürfnissen jedes einzelnen Patienten gerecht werden. "Wenn Migranten kaum Deutsch sprechen, dann werden sie natürlich von einem Pfleger, der ihre Sprache spricht, versorgt." Selbst wenn das oft einiges an "organisatorischer Anstrengung" bedeutet. Das Schamgefühl bei pflegebedürftigen Menschen sei ohnehin sehr groß, "da muss wenigstens eine unbeschwerte Kommunikation möglich sein". Außerdem sei es gerade bei streng religiösen Familien, zum Beispiel bei türkischen Muslimen, wichtig, dass der Pfleger mit den jeweiligen Traditionen und Sitten vertraut ist. Speisevorschriften sind zu beachten, und "manche wünschen sich, dass wir in ihrem Haus die Schuhe ausziehen". Auch die unterschiedliche Rollenverteilung zwischen Mann und Frau kann zu Missverständnissen führen. Wenn man sich da nicht auskennt, kann es "verdammt schwierig" werden.

Dennoch: Wie Patienten mit Menschen aus anderen Kulturkreisen umgehen, hänge mehr von der Person ab als von der Nationalität. "Wir bemühen uns, jeden Menschen als Individuum vor dem Hintergrund seiner Biographie zu betrachen", sagt Zenginoglu, die jeden ihrer Klienten persönlich kennengelernt hat. Migranten, die seit Jahren in Deutschland leben und die Sprache beherrschen, werden auch von deutschen Pflegern betreut. Ebenso werden deutsche Senioren dazu ermutigt, sich von ausländischen Pflegern versorgen zu lassen.

Wenn der Wunsch nach einer Betreuungskraft aus dem eigenen Kulturkreis "sehr begründet ist", werde dem selbstverständlich entsprochen. Doch dass sich jemand, in welche Richtung auch immer, rassistisch geäußert habe und keine "Ausländer im Haus will", hat Gülhan Zenginoglu noch nie erlebt.

[taz Hamburg Nr. 7162 vom 20.9.2003]

Schafskäse zum Frühstück

Dei Zahl der älteren Menschen ausländischer Herkunft nimmt zu. Interkulturelle Pflegeangebote aber gibt es noch viel zu selten.

von PETRA BÄURLE

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Um Menschen deutscher und nicht-deutscher Herkunft optimal pflegen zu können, bereitet die türkischstämmige Leiterin des Interkulturellen Pflegedienstes "In guter Gesellschaft", Gülhan Zenginoglu aus Hamburg, ihre Mitarbeiter intensiv auf neue Klienten vor. Etwa auf den 91jährigen Wilhelm Masuhr, den die 18jährige türkische Pflegerin Göbken betreut. Masuhr kommt aus Ostpreußen, den "Wilhelm" hat ihm die Kaiserzeit verpasst. Jetzt sitzt er aufgeräumt in seinem Ohrensessel, akurat gekleidet in Anzugshose und Hemd, das Hamburger Abendblatt liegt ausgelesen auf dem Tisch. Der alte Mann scherzt. "Die Sofie", sagt er vergnüglich und meint damit seine junge Pflegerin Gökben, deren Namen er sich nicht merken kann,"die Sofie ist ein ganz feines Mädel! Die hält die Wohnung in Ordnung und mich gleich mit." So respektvoll wie die junge Türkin sei bislang keiner mit ihm umgegangen, urteilt er. Und weil er ein folgsamer Mensch sei, tue er alles, was sie sage. Nur den Gehwagen, den will er nicht benutzen, "da lacht ja die ganze Papenhuder Straße!" Auch das Bemühen der Pflegedienstleiterin Gülhan Zenginoglu hilft da nicht. "Es ist zu Ihrem Besten", sagt sie am Ende. "Aber Sie müssen es entscheiden."
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